
Dresden – „Hebamme der Naturheilkunde“
Interview | 02.04.2009 13:21 Uhr
Lahmann-Sanatorium, Bilz-Bund und auch Anna Fischer-Dückelmann werden genannt, wenn über die Wurzeln der Naturheilkunde gesprochen wird. Die Medizinhistorikerin Dr. phil. Marina Lienert vom Institut für Geschichte der Medizin an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden beschäftigt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit der Thematik.
Dresden wird oft als Geburtsstadt der Naturheilkunde bezeichnet, warum?
Das ist historisch und wissenschaftlich gesehen leider nicht exakt. Sachsen wird als die „Wiege der Naturheilbewegung“ gesehen und Dresden kann man als ihre Hebamme betrachten. Wegbereiter war der schlesische Bauer Vincenz Prießnitz, der schon vor 1830 Kaltwasserbehandlungen zunächst für sich selbst und bald auch für die Behandlung anderer Heilung Suchender nutzte. Er bezog die Kräfte der Natur wie Licht, Luft, Wasser, Wärme und Kälte in seine Therapie ein und wurde damit zum Begründer der Naturheilkunde. Andere Naturheilkundler, wie Vincenz Schroth, der im Nachbarort wohnte, machten Prießnitz Konkurrenz. Schroth bezog feuchtwarme Umschläge in seine Kur ein und forderte von seinen Patienten die Einhaltung einer strengen Diät. Die im Volksmund als „Semmelkur“ bekannte Schrothkur findet noch heute viele Anhänger. Der „Sonnendoktor“ Arnold Rikli betonte vor allem den Aufenthalt an frischer Luft und in der Sonne, Theodor Hahn führte das vegetarische Essen in die Naturheilkunde ein. All das war in Sachsen...
Der erste Wasserverein wurde aber 1832 in Bayern gegründet. Das damals zersplitterte Deutschland erlaubte eine Verbreitung über das ganze Land nicht. In Dresden gründete sich 1835 der Verein der Wasserfreunde. Während solche Vereine in den meisten Städten wieder eingingen, traf man sich in Dresden regelmäßig. In den 1860er Jahren trat der promovierte Jurist Friedrich Wilhelm Meinert an die Spitze des Vereins und gründete die Zeitschrift „Der Wasserfreund“. Deren Nachfolger „Der Naturarzt“ erscheint heute noch.
Warum entwickelte sich ausgerechnet in Sachsen die Naturheilkunde so herausragend?
Sachsen hatte sich im 19. Jahrhundert wirtschaftlich sehr weit entwickelt. Der Werkzeugmaschinenbauer Johann von Zimmermann war beispielsweise ein überzeugter Naturheilkundler und Unterstützer der Bewegung von Friedrich Eduard Bilz: Mit geringen Mitteln das eigene Leben verbessern, sei es durch regelmäßige Gymnastik, sonntägliche Wanderungen oder vermehrten Gemüseverzehr. Es ging also zunächst eher um eine gesunde Lebensweise als um Naturheilkunde. Viele Menschen waren begeistert von den Möglichkeiten, vieles selbst in die Hand nehmen zu können.
Damals wie heute galt: Befindlichkeitsstörungen kuriert man selbst, bei schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen geht man zum Arzt. In der Blütephase der Naturheilbewegung vor dem Ersten Weltkrieg gehörten im deutschen Kaiserreich circa 150 000 eingeschriebene Mitglieder zu Naturheilvereinen. Bedenkt man, dass lediglich der Haushaltvorstand eingeschrieben war, kann man die Zahl der aktiven Mitglieder vervierfachen. Dazu kamen noch Hunderttausende Sympathisanten. Dresden hatte immer die mitgliederstärksten Vereine in ganz Deutschland. Die Bevölkerung war der Naturheilkunde gegenüber hier besonders aufgeschlossen. Nicht zufällig baute Heinrich Lahmann sein berühmtes Sanatorium im Luftkurort Weißer Hirsch oder erwarb Friedrich Eduard Bilz ein Weinberggrundstück in Radebeul, um dort seine „Kuranstalt für naturgemäße Lebens- und Heilweise“ einzurichten. Einen entscheidenden Einfluss darauf hatte sicherlich auch das milde Klima des Elbtals.
Dr. Marina Lienert veröffentlichte 2002 das Buch „Naturheilkundiges Dresden“, sie betreut mehrere Dissertationen, die sich mit naturheilkundlichen Themen befassen. Friedrich Eduard Bilz, Heinrich Lahmann, Anna Fischer-Dückelmann und Klara Muche stehen dabei im Mittelpunkt ihres Interesses.
Dresden wird oft als Geburtsstadt der Naturheilkunde bezeichnet, warum?
Das ist historisch und wissenschaftlich gesehen leider nicht exakt. Sachsen wird als die „Wiege der Naturheilbewegung“ gesehen und Dresden kann man als ihre Hebamme betrachten. Wegbereiter war der schlesische Bauer Vincenz Prießnitz, der schon vor 1830 Kaltwasserbehandlungen zunächst für sich selbst und bald auch für die Behandlung anderer Heilung Suchender nutzte. Er bezog die Kräfte der Natur wie Licht, Luft, Wasser, Wärme und Kälte in seine Therapie ein und wurde damit zum Begründer der Naturheilkunde. Andere Naturheilkundler, wie Vincenz Schroth, der im Nachbarort wohnte, machten Prießnitz Konkurrenz. Schroth bezog feuchtwarme Umschläge in seine Kur ein und forderte von seinen Patienten die Einhaltung einer strengen Diät. Die im Volksmund als „Semmelkur“ bekannte Schrothkur findet noch heute viele Anhänger. Der „Sonnendoktor“ Arnold Rikli betonte vor allem den Aufenthalt an frischer Luft und in der Sonne, Theodor Hahn führte das vegetarische Essen in die Naturheilkunde ein. All das war in Sachsen...
Der erste Wasserverein wurde aber 1832 in Bayern gegründet. Das damals zersplitterte Deutschland erlaubte eine Verbreitung über das ganze Land nicht. In Dresden gründete sich 1835 der Verein der Wasserfreunde. Während solche Vereine in den meisten Städten wieder eingingen, traf man sich in Dresden regelmäßig. In den 1860er Jahren trat der promovierte Jurist Friedrich Wilhelm Meinert an die Spitze des Vereins und gründete die Zeitschrift „Der Wasserfreund“. Deren Nachfolger „Der Naturarzt“ erscheint heute noch.
Warum entwickelte sich ausgerechnet in Sachsen die Naturheilkunde so herausragend?
Sachsen hatte sich im 19. Jahrhundert wirtschaftlich sehr weit entwickelt. Der Werkzeugmaschinenbauer Johann von Zimmermann war beispielsweise ein überzeugter Naturheilkundler und Unterstützer der Bewegung von Friedrich Eduard Bilz: Mit geringen Mitteln das eigene Leben verbessern, sei es durch regelmäßige Gymnastik, sonntägliche Wanderungen oder vermehrten Gemüseverzehr. Es ging also zunächst eher um eine gesunde Lebensweise als um Naturheilkunde. Viele Menschen waren begeistert von den Möglichkeiten, vieles selbst in die Hand nehmen zu können.
Damals wie heute galt: Befindlichkeitsstörungen kuriert man selbst, bei schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen geht man zum Arzt. In der Blütephase der Naturheilbewegung vor dem Ersten Weltkrieg gehörten im deutschen Kaiserreich circa 150 000 eingeschriebene Mitglieder zu Naturheilvereinen. Bedenkt man, dass lediglich der Haushaltvorstand eingeschrieben war, kann man die Zahl der aktiven Mitglieder vervierfachen. Dazu kamen noch Hunderttausende Sympathisanten. Dresden hatte immer die mitgliederstärksten Vereine in ganz Deutschland. Die Bevölkerung war der Naturheilkunde gegenüber hier besonders aufgeschlossen. Nicht zufällig baute Heinrich Lahmann sein berühmtes Sanatorium im Luftkurort Weißer Hirsch oder erwarb Friedrich Eduard Bilz ein Weinberggrundstück in Radebeul, um dort seine „Kuranstalt für naturgemäße Lebens- und Heilweise“ einzurichten. Einen entscheidenden Einfluss darauf hatte sicherlich auch das milde Klima des Elbtals.
Dr. Marina Lienert veröffentlichte 2002 das Buch „Naturheilkundiges Dresden“, sie betreut mehrere Dissertationen, die sich mit naturheilkundlichen Themen befassen. Friedrich Eduard Bilz, Heinrich Lahmann, Anna Fischer-Dückelmann und Klara Muche stehen dabei im Mittelpunkt ihres Interesses.
Mit Dr. Lienert sprach Dagmar Möbius
Mehr zum Thema ...
