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„Kreativ am Schreibtisch zu sein, das ist die andere Form des Helfens“

Manchmal liegen schon 15 Vorgänge gleichzeitig auf ihrem Schreibtisch in der Bundesärztekammer. Dann hilft Dr. Annegret Schoeller ihr Sachverstand, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, zu koordinieren, Vorgänge gleichzeitig mit gleicher Akribie zu bearbeiten. Was für viele Ärztinnen der blanke Horror ist, die Arbeit am Schreibtisch, ist für sie eine Herausforderung. Im Dezernat V der Bundesärztekammer ist sie – unter anderem – für die Angelegenheiten von Ärztinnen zuständig.

Am Anfang stand auch für die Krankenschwester, dann Studentin und junge Ärztin Annegret Elisabeth Schoeller der Wunsch, ganz dicht am Menschen, am Patienten zu sein. „Ich komme aus einer Familie, in der es keine Ärzte gab, dafür umso mehr Diplom-Kaufleute, also eher die ‚trockenen’ Wissenschaften. Ich wollte nicht den Fall, sondern den Menschen sehen“, sagt Dr. Schoeller.

Nach dem Studium, in der Inneren Medizin an der Uniklinik Essen, als Assistentin in der Angiologie und Nephrologie, war dieser Kontakt naturgegeben. Aber sie sah rasch, was die Strukturen nicht hergaben: Wissenschaftliche Arbeit und hochqualifizierte Patientenversorgung unter einen Hut zu bringen, ist ein schwieriges Problem für eine ehrgeizige junge Ärztin. Dem sie sich immer wieder stellte. In der Erinnerung taucht der erste Vortrag vor einem hochkarätigen Fachpublikum an der Berliner Charité auf. „Mein Chef übergab mir das Wort. Natürlich feuchte Hände, erstes Räuspern, und dann das Freisprechen...“ Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen zu entwickeln, das bezeichnet sie im Rückblick als wichtige Gehhilfen auf dem Weg in ein erfolgreiches Berufsleben. Was sie auch registriert: Es ist wichtig, sich nicht verbiegen zu lassen. Nicht das machen, was andere für einen selber für gut halten, sondern den eigenen Weg finden, planen, realisieren. „Das geht! Und ich möchte es jeder jungen Ärztin ans Herz legen.“
Über die weitere fachliche Weiterbildung in der Arbeitsmedizin, die ihr eine gute Alternative zur klinischen Medizin schien, kam Dr. Schoeller nicht nur mit der Sinnhaftigkeit von Prävention in Berührung, sie entdeckte neue Seiten der Medizin. Gesundheit und Arbeitswelt, Beratung von Arbeitgebern, Schulung von Beschäftigten waren neue Aufgabenfelder für sie, die inzwischen am Institut für Hygiene und Arbeitsmedizin der Uni Essen tätig war.
„Auf diese Weise kam der Kontakt zur berufspolitischen Arbeit, zur Kammer“, schlägt sie den Bogen.

Seit neun Jahren ist Dr. Annegret Elisabeth Schoeller bei der Bundesärztekammer beschäftigt. Ein Schreibtischjob, aber nur auf den ersten Blick.
Was sie daran mag? „Das Strategische, die andere Form des Helfens. Ich habe ja auch hier mit Menschen zu tun, die im Medizinbetrieb ihre Arbeit tun und meine Unterstützung brauchen, für eben diese Arbeit. Wir arbeiten denjenigen zu, die in den Ehrenämtern, in den Landeskammern wirken. Das sind riesige Gestaltungsspielräume.“
Dr. Schoeller berichtet, dass die Bundesärztekammer ein ideales Arbeitsumfeld besonders für Frauen bietet. „Unser Hauptgeschäftsführer, Professor Fuchs, schätzt das Verhandlungsgeschick von Frauen und hat damit vielen Managern in der Industrie, aber auch manchen Klinikumsleitern etwas voraus“, sagt sie.
Das Dezernat V, von insgesamt sieben innerhalb der Bundesärztekammer, bearbeitet ein breites Spektrum an Themen. Betriebsärztliche Versorgung, Öffentlicher Gesundheitsdienst, Infektionsschutz, Rehabilitation, Gesetzliche Kranken- und Unfallversicherung gehören ebenso dazu wie, schon erwähnt, der Bereich Ärztinnen. Dezernent Dr. Hans-Jürgen Maas, Dr. Annegret Schoeller und ihr Kollege Markus Rudolphie bestreiten alle diese Themen.
So kommt es, dass für Dr. Schoeller Idee und Projekt des soeben erschienenen Handbuchs „Karriereplanung für Ärztinnen“ (siehe auch S. 18) den gleichen Stellenwert haben wie zum Beispiel die Leitung der Arbeitsgruppe Influenzapandemie. „Wenn ich all die Aufgaben, die im Moment zu bearbeiten sind, Revue passieren lasse, dann ist das Projekt des Schutzes im Pandemiefall eines der spannendsten und wichtigsten, mit denen ich mich befasse. Es ist sehr facettenreich: Patienteninformationen, Fortbildung von Ärzten und Gesundheitsdiensten, Arztinformationen und Empfehlungen gehören dazu.“ Ausgangspunkt war die hereinbrechende Vogelgrippe im vergangenen Jahr und die offensichtlich noch unzureichende Vorbereitung auf solche Ernstfälle in einzelnen Bundesländern. Vom Hauptgeschäftsführer der BÄK, unterstützt durch den Vorstand, ging die Initiative aus, Ärztinnen und Ärzte in Deutschland schnell und umfassend in die Lage zu versetzen, mit einer solchen Situation fertig zu werden. „Ich habe die Leitung der Arbeitsgruppe Influenza-Pandemie der BÄK übernommen und organisiere gemeinsam mit den zuständigen Gremien in den Landeskammern ein konzertiertes Vorgehen. Wir sind in die Unterarbeitsgruppen des Robert-Koch-Instituts eingebunden, haben Kontakte mit den Apothekern aufgebaut, sind in die Diskussion mit den zuständigen Bund-Länder-Vertretern eingebaut.
Diese Tätigkeit mag als ein Beispiel gelten, wie ‚Schreibtischarbeit’ der Gesundheit, den Menschen zugute kommt, ÄrztInnen wie PatientInnen“, sagt Dr. Schoeller. Dabei gebe es in den nächsten Monaten noch viel zu tun, bis davon gesprochen werden könne, dass Deutschland ausreichend auf eine mögliche Influenza-Pandemie vorbereitet sei.
Die Arbeit für Ärztinnen im Rahmen ihrer Tätigkeit liegt Annegret Schoeller, schon mit Blick auf eigene Erfahrungen, besonders am Herzen. „Von meiner Arbeit an der Universität her weiß ich, dass es eine ganz subtile Art von Diskriminierung ist, die Frauenkarrieren immer noch begleitet. Studien belegten, dass Professorinnen im Wissenschaftsbetrieb die kleineren Arbeitsräume zugewiesen bekommen... Andererseits mangelt es immer noch an Netzwerken, an Bündnissen, in denen Frauen einander helfen. Deshalb finde ich auch das Mentorinnennetzwerk des Ärztinnenbundes so fabelhaft, eine Art des Miteinander, von der möglichst viele junge Ärztinnen erfahren sollten.“ Im Handbuch „Karriereplanungfür Ärztinnen“, von Annegret Schoeller mit angeregt und begleitet, sind komprimiert und ausführlich Möglichkeiten und Wege einer effektiven beruflichen Entwicklung dargestellt. „Es wäre schön, wenn es viele Studentinnen und junge Ärztinnen in die Hand bekämen – und vor allem wahrnähmen, im Interesse ihrer zielorientierten beruflichen Entwicklung,“ sagt sie und fügt hinzu: „Nur so gelangt man auch zur persönlichen Zufriedenheit: Das im Leben zu erreichen, was man bewusst selbst geplant hat. Notlösungen sind nicht zu akzeptieren. Ich bin jedenfalls gut damit gefahren.“

Mit dem Umzug der Bundesärztekammer von Köln nach Berlin hat Dr. Schoeller auch ihre Lebensräume erweitert. Die Arbeitswochen und manches Wochenende gehören der Hauptstadt, die sie nicht nur kennen-, sondern auch schätzen gelernt hat. Den Fußweg zum Beispiel von der Nürnberger Straße in Charlottenburg durch den Tiergarten bis zum imposanten Komplex von Neubauten, in denen die ärztlichen Verbände seit zwei Jahren ihr Domizil haben. Ebenso genießt sie die Wochenenden in Köln, die sie mit ihrem Mann, der dort beruflich gebunden ist, verlebt. Dann kommt sie voller Anregungen nach Berlin zurück, wo die Arbeit am Schreibtisch auf sie wartet. Sorgsam in bis zum 15 thematischen Stapeln geordnet. Links die Themen, die Priorität haben. Und immer haben diese auch, wie es sich für die Arbeit einer Ärztin gehört, mit Menschen zu tun...
Annegret Hofmann
Quelle: ÄRZTIN 3/06